Orange Wein - Welcher Charakter steckt hinter der intensiven Farbe?

Geposted von Fabienne Bürkin am

Auch diese Woche bleiben wir bei Trends und Neuentdeckungen. Wenn Vermouth ein Underdog ist, der ein Nischendasein fristet, dann ist Orange Wein sozusagen der unverstandene Außenseiter der Weinszene. Dabei basiert die Weißweinherstellung, wie wir sie heute kennen, auf einer bis in die 1960er Jahre praktizierten Technik, die statt einem Weißwein nach heutigem Maßstab ein Getränk ähnlich eines Orange Wein hervorbrachte. Bevor Weißwein wurde, wie wir ihn heute kennen, stand er für ein trübes ungefiltertes Naturprodukt. Erst die Nutzung von industrieller Technik bei der Weinherstellung und die Modernisierung in der Oenologie brachte einen neuen hellen, sauberen und fruchtigen Weißwein hervor und machte ihn zum massentauglichen Alltagsgetränk. 

Trotzdem hat es nur eine Generation gedauert, die Ursprünge des Weißweins von der internationalen Bühne zu verbannen. Die Nachfrage bestimmte den Markt und der traditionelle Weißwein geriet in Vergessenheit. Bis eine kleine Gruppe von Winzer:innen die traditionelle und sehr naturbelassene Art der Weinherstellung wiederbelebten und den Orange Wein als Nischenprodukt etablierten. 

Nichtsdestotrotz sind es meist nur versierte Weinkenner:innen, die schon mal vom Orange Wein gehört haben. Wir finden: Höchste Zeit, das zu ändern. Wir lieben es, außergewöhnlichen und unterschätzen Produkten eine Plattform zu geben. Das beschert dem Orange Wein zwar keinen Erfolg über Nacht, aber vielleicht ja ein paar neue Fans mit einem Herz für Badischen Wein?

Was ist Orange Wein? 

Der entscheidende optische und geschmackliche Unterschied zu Weißwein, wie wir ihn kennen, liegt in der Art der Herstellung. Orange Wein wird aus weißen Rebsorten gewonnen, aber ähnlich wie Rotwein hergestellt. Anders als bei herkömmlichem Weißwein wird die Maische nicht vom Saft der angepressten Trauben getrennt. Die Beeren werden also mitsamt ihrer Schalen und Kerne im eigenen Saft vergoren und weitgehend sich selbst überlassen. So haben diese mehr Zeit, Farben und Gerbstoffe in den Traubensaft abzugeben und der Orange Wein erhält seine intensive orange bis bernsteinartige Farbe. In seinen strukturellen Eigenschaften ist er am Ende dem Rotwein ähnlicher als Weißwein. 

Zum Vergleich: Bei herkömmlichem Weißwein werden die Trauben schnell und sauber vom Saft getrennt und unter Einsatz von Enzymen noch mehr fruchtiges Aroma aus den Schalen und dem Saft geholt. 

Grundsätzlich kann man also sagen, es kommt auf den Kontakt der Schalen mit dem Saft an, wobei die Dauer variieren kann. Das gibt den Winzer:innen Spielraum bei der Herstellung. Von einigen Stunden bis mehrere Monate ist alles möglich und erzeugt ein komplett unterschiedliches Ergebnis. Je länger sie die Trauben auf der Maische lassen, desto schärfer wird das Geschmacksprofil und das herbe Mundgefühl wird ausgeprägter. 

Für diesen natürlichen Herstellungsprozess ist es unabdingbar, dass die Trauben gesund und unversehrt im richtigen Reifestadium geerntet wurden. Eine einzige vergorene Traube reicht aus, um das Gemisch kippen zu lassen. Außerdem enthalten Orange Weine eine Menge Gerbstoffe und benötigen daher wenig oder keinen Schwefel. Für die Gärung verwenden sie dann ausschließlich die Hefepilze, die auf den Trauben liegen. Die Gerbstoffe wirken antioxidativ und machen den Wein damit stabil und haltbar: Nach dem Öffnen ist der Wein meist noch über Wochen genießbar.

Für Winzer:innen und Weinliebhaber:innen ist er auch so reizvoll, weil er das volle Potenzial einer Weintraube sichtbar macht. Das verleiht dem fertigen Wein einen sehr persönlichen und einzigartigen Charakter, was auf der anderen Seite eine allgemeine Beschreibung des Geschmacks äußerst schwierig macht.

Wie schmeckt ein Orange Wein?

Auf den „Genuss“ von Orange Wein sollte man sich gut vorbereiten, indem man sich vorab mit seinen Eigenschaften auseinandersetzt. Der Orange Wein hat einen ausgeprägteren Körper als jeder andere Weißwein. Textur und Mundgefühl können sich zunächst trocken und herb anfühlen. Darüber hinaus sollte man sich auf mehr oxidative Noten und lange Abgänge einstellen.

Deutlich spürbar ist der höhere Gerbstoffgehalt, den viele unterschiedlich wahrnehmen. Manche beschreiben den Geschmack als intensiv und blumig oder sprechen von einer erdigen Aromatik, die nichts mit konventionellem Wein zu tun hat. Einige erschrecken sogar beim ersten Probieren und beschreiben ihn als unausgereift oder irgendwie roh - ein echtes Naturprodukt eben. Doch so ungewohnt er auch sein mag, erfahrungsgemäß lässt er viele anschließend nicht mehr los.

Lust auf ein Geschmacksabenteuer?

Was feststeht: Der Orange Wein ist für Weinliebhaber:innen eine spannende Abwechslung und kann zunächst eine neue Herausforderung für die Macht der Gewohnheit sein. Auf jeden Fall sollte man bereit sein, sich auf das ungewohnte Bouquet einzulassen und unvoreingenommen an den Wein herangehen, um sich mit der Aromatik anzufreunden.

Neugierig geworden? Dann solltet ihr unbedingt den 2019er OX Grauburgunder vom Weingut Florian Kuhn probieren. Allerdings müsst ihr schnell sein. Der Jahrgang ist bei anderen Anbieter:innen schon nahezu ausverkauft und auch wir haben aktuell nur noch einige Flaschen vorrätig. Greift zu und schreibt uns eure Erfahrungen in die Kommentare! 


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